Von Pferden lernen – Tierkommunikation

Du glaubst zu wissen, was die Grundbedürfnisse eines Pferdes sind ? 

Dann lass‘ Dich überraschen😊😊 

 

Gastbeitrag von Klaudia Haag-Jilg

Ich möchte mich zunächst kurz vorstellen. Mein Name ist Klaudia Haag-Jilg. Meine Vollblutaraberstute C.M. Jasirah ist schon seit vielen Jahren meine Wegbegleiterin. 

Dank Tina Hillebrand sind wir auf ein Kommunikationslevel gerückt, das vorher unvorstellbar war.
Fragen an Jasirah erweiterten sich immer wieder auf wunderbare Weise zu großen Themen, die für alle Pferdebesitzer wichtig sind. 

Es ist ein großes Anliegen von Jasirah, dies in die Pferdewelt zu tragen und zu verbreiten.
Ich habe begonnen, das niederzuschreiben, was Jasirah zu sagen hat, und dies ist nun der erste Teil. 

Jasirah und ich haben uns im Laufe der letzten Jahre immer tiefgreifender über die Annahmen, die Menschen haben, und die Sicht der Pferde auf diese menschlichen Sichtweisen und Strategien ausgetauscht. Dabei ist mir immer bewusster geworden, dass es viele Begriffe gibt, die von Menschen sehr selbstverständlich verwendet werden. Wenn solche Begriffe unreflektiert benutzt werden, kann das zu enormen Missverständnissen führen. Ein Beispiel dafür ist das Wort „Herde„, um das es im folgenden Text geht. Jasirahs Ausführungen zu diesem spannenden Thema schreibe ich hier nun nieder. 

Das sagt Jasirah über die grundlegenden Bedürfnisse von Pferden 

C.M.Jasirah: 

Das beinhaltet so viel und doch, es gibt gewisse grundlegende Faktoren, die wir Pferde für eine gesunde Entwicklung in jeder Hinsicht benötigen. 

Kontakt mit Pferden 

Ich gehe davon aus, dass wir jetzt nicht von einer natürlich gewachsenen Herde sprechen. Ich möchte hier von Pferdegruppe sprechen. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Pferde zu allererst einmal Pferde. Kein Mensch kann je, auch wenn er sich noch so bemüht, die Kommunikation, wie sie unter Pferden abläuft, ersetzen.

Körpersprache der Pferde

Da ist zum Einen die Körpersprache – unsere Körper sind völlig anders gestaltet, als die des Menschen. Wir nehmen mehr und anders wahr, als der Mensch. Die Interaktionen passieren so viel schneller, als ein Mensch es je nachvollziehen könnte.
Zum Anderen benutzen wir bestimmte Laute, die ein Mensch nicht auf unsere Art hervorbringen könnte.
Wir Pferde lernen die Pferdesprache zu allererst durch unsere Mütter. Danach üben wir uns in immer feinerem, und in unterschiedlichen Situationen, differenzierterem Ausdrucksverhalten. Dies ist nur möglich, wenn wir unter einander sind – eine Pferdegruppe. Wobei die Größe der Gruppe nicht von Bedeutung ist. In großen Gruppen sind es nur Nuancen, die vielleicht unterschiedlich sind. 

 

Grundhaltung im Umgang mit Pferden

Es ist erfreulich, dass immer mehr Menschen den Wunsch verspüren, in einen echten Austausch mit uns zu kommen. Um dabei erfolgreich zu sein, bedarf es allerdings einer Grundhaltung, die heutzutage noch nicht selbstverständlich ist. Zu einem echten Austausch kann es nur kommen, wenn Achtung und Wertschätzung gegeben sind. 

Wir Pferde sind in den Augen der Menschen zu einem Großteil immer noch Sklaven ihrer Wünsche und Anforderungen. Das Bild des Anführers, Leittieres, oder wie auch immer die Menschen es nennen wollen, haftet noch zu sehr in den Köpfen der Menschen. 

Eine Kommunikation auf dieser Ebene wird immer einseitig sein, und auf Machtspiele hinauslaufen. Druck ist kein guter Ratgeber in einer Kommunikation auf gleicher Ebene. Zuhören bedeutet für Menschen in diesem Kontext, hinzusehen und zu fühlen. Nicht zu befehlen, und eine sofortige Reaktion zu erwarten.

Herzlich willkommen in unserer Welt

Der Mensch, der sein Herz öffnet und bereit ist, uns als gleichrangig anzusehen, wird in eine Welt eintauchen, die an Wunder grenzen mag. 

Aber zurück zur Gruppe. Es ist ein gängiges Muster der Menschen, die Interaktion der einzelnen Gruppenmitglieder zu beurteilen. Keinesfalls ist es so, dass eine willkürlich zusammengefügte Gruppe das Verhalten einer natürlich gewachsenen Herde widerspiegelt. Spätestens nach den Erfahrungen eines Stallwechsels, wird uns Pferden bewusst, dass es keine konstante Gruppe oder natürliche Auslese gibt. Je nach Typ reagieren wir Pferde unterschiedlich auf solche Veränderungen. Menschen stufen ein Pferd als gelassen ein, wenn es scheinbar völlig ungerührt davon zu sein scheint, in eine andere Gruppe zu kommen. Wohingegen dieses Pferd in Wahrheit völlig resigniert und in sich gezogen ist. Andererseits werden Pferde, die zu allererst ihre Position bestimmen wollen, als dominant eingestuft. Dabei ist dies ein ganz natürlicher Prozess und in der Interaktion mit der Gruppe unerlässlich. Wie sehr würde es uns Pferden helfen, wenn wir nicht auch noch der Interaktion von Menschen ausgesetzt wären. 

Sobald wir einen abgesicherten Raum zur Verfügung haben, uns untereinander zu begegnen, der groß genug ist, sodass jeder seine Grenzen wahren kann, ist ein Eingriff von Seiten der Menschen ein Eingriff in den ungestörten Austausch zwischen den einzelnen Pferden, und damit nur hinderlich. Diesen Prozess durch herausnehmen oder hinzufügen von Gruppenmitgliedern nicht zu stören, wäre ein weiterer Weg, die Interaktion zu erleichtern.

Neuordnung braucht Achtsamkeit

Wir Pferde sind in so einer Phase sehr konzentriert. 

Wir achten genau auf Zeichen, um sofort reagieren zu können. Menschen, die unter solchen Umständen in die Gruppe treten, setzen sich Gefahren aus, die zu vermeiden wären. Das passiert nur weil sie in der Regel unsere Zeichen nicht erkennen. 

 

Was ist eine Herde?

Ich möchte nun noch auf die natürliche Herde eingehen.
In einer natürlichen Herde gibt es keine klare Hierarchie von oben nach unten. 

Es gibt keine Leittiere die alles entscheiden, sondern jedes Lebewesen hat mit jedem anderen Lebewesen eine klare Beziehung, und da gibt es durchaus Interaktionen von wer, wem ausweicht, aber es gibt keine A-B-C-D-E Reihenfolge, dies ist nur in den Köpfen der Menschen so.

Jedes Mitglied der Herde hat zu jedem Mitglied der Herde einzelne Reihenfolgen, dadurch gibt es eine gesunde Dynamik, so bleibt das gesunde Gleichgewicht erhalten, welches verloren gehen würde, wenn es eine gerade Linie geben würde. Bei einer geraden Linie, gibt es keinen sozialen Puffer mehr, das endet im Chaos. So verhalten sich Pferde nur, wenn sie total verwirrt sind. So etwas gibt es nur bei Haushaltungspferden sehr oft.
Da scheint ein Pferd, das am meisten Schläge austeilt, sich asozial verhält, oben zu sein. Und Pferde, die am meisten Prügel beziehen, und am häufigsten ausweichen, um nicht noch mehr Ärger zu bekommen, ganz unten zu sein. Daraus leiten Menschen ab, dies sei eine Reihenfolge. Das ist einfach nur die Reihenfolge des Wahnsinns, das hat mit einer Herdenstruktur nichts zu tun, es handelt sich hier schlichtweg um zusammengewürfelte Pferde. 

 

Eine Gruppe von Pferden ist noch lange keine Herde

Die Menschen müssen verstehen, dass Pferde, die mit einem Zaun rundherum zusammengestellt werden, keine Herde sind.

Menschen, die auch über Jahre in einen Raum gesperrt werden, sind auch keine Familie, das sind Menschen in einem Raum. Pferde, um die man einen Zaun baut, sind Pferde hinter einem Zaun, nichts weiter. 

Es klingt nur für Menschen besser zu sagen, das sei eine Herde. Aber wir sind keine Herde. Herden sind gewachsen, es sind immer Geschwister und Tanten und Kinder und Mütter zusammen. 

Das ist bei Haushaltungspferden nicht der Fall. 

In einer Herde werden die Pferde, die den Frieden in der Herde stören, immer des Raumes verwiesen. Ein solches Verhalten wird nicht geduldet.
Kleine und ungestüme Fohlen werden erzogen, und dürfen sich in die Herde einfügen.
Wenn sie den Rahmen dessen, was für die Herde von Vorteil ist, sprengen, können sie weiterziehen, oder sich dem Frieden der Herde anpassen. 

 

Gesunde Herdendynamik

Dadurch bleibt es immer ein dynamischer Prozess, und daraus entstehen neue Herden.
Es gibt auch immer wieder das Phänomen, dass aus anderen Herden Pferde dazu kommen.
Dann werden sie sehr geliebte Gäste dieser Herde. Und wenn sie in dieser Herde selber Fohlen bekommen, verschmelzen sie mit der Herde.
Das Fohlen, das dann kommt, ist schon Teil der Herde. Die Mutterstute, die dazu gekommen ist, noch nicht im klassischen Sinne, aber das verschmilzt.

Insofern gibt es im freien Leben der Pferde das Phänomen von Zu- und Abwanderung. 

Aber niemals, wie das unter den Haushaltungspferden geschieht.
Und wie sollte ein Wallach jemals Teil einer Herde sein, außer er ist es schon, bevor er zum Wallach wurde. 

Er ist in eine Herde hineingeboren, in der er bleibt. Sonst gibt es keinen Status für einen Wallach in einer Herde. 

Das funktioniert nur, weil Menschen Zäune um Pferde bauen, und Pferde so adäquat sind in ihren sozialen Wegen, und Verständnisbereitschaft zeigen, das Beste aus der Situation zu machen. All das, hat nichts mit einer Herde zu tun!

Danke!

Dies sind Gedanken, die ich gerne mit den Menschen teilen möchte, zum besseren Verständnis für die Grundbedürfnisse, die für uns, als Haushaltungspferde von großer Bedeutung sind. 

Vielen Dank!

M.C. Jasirah